IVG Shanghai 2015: Ein Bericht

Aqtime Gnouléléng Edjabou
916 98

Abstract


In der chinesischen Metropole Shanghai fand vom 23. bis 30. August 2015 der XIII. Kongress der Internationalen Vereinigung für Germanisten (IVG) statt. Insgesamt nahmen etwa 1200 Germanisten aus ca. 69 Ländern (einschließlich China) an dem alle fünf Jahre stattfindenden Kongress teil. Unter dem Leitthema „Germanistik zwischen Tradition und Innovation“ wurden an der Tongji-Universität Shanghai über 1000 Vorträge gehalten. Der Kongress wurde offiziell am 24.08.2015 mit einem reichhaltigen Kulturprogramm eröffnet. Gleich nach dem feierlichen Akt begannen die Vorträge und Diskussionen in den insgesamt vier (4) gruppierten Teildisziplinen der Germanistik (A: Sprachwissenschaft, B: Literaturwissenschaft, C: Kulturwissenschaft und D: Sprachdidaktik und Sprachvermittlung) unterteilt in ca. 50 Sektionen. Es gab auch sektionsübergreifende Angebote. Bereits im Anschluss an die Eröffnungsfeier hörten die Kongressteilnehmer zwei Plenarvorträge. Und jeder Kongresstag begann (bis auf den 27.08.2015) mit einem Panel.

Der vorliegende Bericht gliedert sich wie folgt: Zunächst werden die Plenarvorträge vorgestellt. Dann folgt eine kondensierte Zusammenfassung der Panels. Auf die Vorträge und Diskussionen in der Sektion B12 wird ausführlicher eingegangenen. Danach werden abschließend die Begleitprogramme und die Preisverleihungen vorgestellt. Das Hauptziel des vorliegenden Berichtes stellt die Sektion B12[1] der Teildisziplin B Literaturwissenschaft.

1. Die Plenarvorträge 

1.1 Plenarvortrag 1 zum Thema: Barocke Schädelselektionen. Gehirn, Imagination und Poesie in der Frühen Neuzeit (von Prof. Dr. Peter-André Alt /Freie Universität Berlin) 

Der erste Plenarvortrag setzte sich mit der „dichterischen Inventionsgabe unter ausdrücklichem Bezug auf die Gehirn-Modelle der frühneuzeitlichen Medizin“ auseinander. Der Vortrag zeigte, „die Bedeutung der barocken ‚Schädelbasislektionen‘ im Blick auf die Selbstreflexion der Literatur und die Spielräume ihrer Fiktionsbildung bereits vor der Autonomieästhetik“. Peter-André Alt analysierte zwei Dramen - Gryphius’ Cardenio und Celinde (1657) und Hallmanns Mariamne (1670) – und zeigte die Spiegelung der Hirn-Theorien der frühneuzeitigen Medizin in der barocken Poetik. Erkenntlich wurde, dass die Auffassung „des menschlichen Gehirns in der Medizin der Frühen Neuzeit als räumliches Ordnungssystem, indem jede Kammer unterschiedliche Funktion“ hat, beeinflusste nicht nur die barocken Theorien der Dichtungslehre, aber auch die literarischen Texte des 17. Jahrhunderts. Fruchtbar entfaltete sich die Auswirkungen der Auffassung des menschlichen Gehirns in der Frühen Neuzeit in der Literatur dadurch, dass das „Zusammenwirken von Hirntätigkeit, Imagination und poetischer Fiktionsbildung“ sich im 17. Jahrhundert zu einem eigenständigen Thema in der „literarischen Fiktion“ entwickelte.

1.2 Plenarvortrag 2 zum Thema: Text und Kultur. Die Kulturalität der Texte (von Prof. Dr. Zhao Ji / Tongji-Universität Shanghai)

Der zweite Plenarvortrag nahm sich vor, den Text nach dem Kulturverständnis zu diskutieren. Dabei bezog sich Jin Zhao auf die diachronen neuen Entwicklungen und den Wandel des Verständnisses des Kulturbegriffes. Sie merkte an, dass der Text bzw. die Texte Kulturprägheiten aufweisen und deshalb immer relevanter für die Forschungstätigkeit insgesamt bleiben werden. Der Vortrag machte unter anderem deutlich, wie inter- bzw. transdisziplinär die Auseinandersetzung mit dem Text zu fruchtbaren Ergebnissen führen kann. An vielen Stellen des Vortrages wurde analog zu den Entwicklungsphasen der Kulturwissenschaften auch epistemologische Wendemomente der Textlinguistik und Textforschung angegangen. Die Wechselbeziehungen zwischen Text und Kultur bestimmte den gesamten Verlauf des Vortrages.

 

 

2. Die Panels

Die Panels fanden in dem Sino-Französischen Zentrum der Tongji-Universität statt. Am 25.08.2015 leitete Herr Prof. Dr. Armin Burkhardt (Universität Magdeburg) das Panel zum Thema „Sprachwissenschaft zwischen Tradition und Innovation“. Das Panel zu dem Thema „Wie traditionell und modern ist die germanistische Literaturwissenschaft?“ leitete Frau Prof. Ortrud Gutjahr (Universität Hamburg) am 26.08.2015. Zum Thema „Goethe und Konfuzius – deutsche und chinesische Sicht der Vielsprachigkeit“ wurde in dem Panel am 28.08.2015 unter der Leitung von Prof. Dr. Michael Kahn-Ackermann (Stiftung Mercator in Peking) diskutiert. Die Leitung des Panels zum Thema „Multimodalität, Intermedialität – Chancen und Herausforderungen der neuen Medien“ am 29.08.2015 hatte Herr Prof. Dr. Matthias Kesper inne. Die Auslandsgermanistik wurde am 30.08.2015 in dem Panel „Fremdperspektiven der Auslandsgermanistik heute und morgen“ reflektiert. Die Leitung dieses Panels übernahm Frau Dr. Ursula Paintner (Referat Auslandsgermanistik DAAD). Am selben Tag wurde das Thema „Die Tongji-Universität als Brücke zwischen den Kulturen“ unter der Leitung von Prof. Dr. Zhiqiang (Tongji-Universität) im abschließenden Panel diskutiert.

Insgesamt 42 Experten aus verschiedenen Teildisziplinen der Germanistik tauschten sich zusammen mit dem interessierten Publikum über das Fortbestehen der institutionellen Zukunft der Germanistik aus, die in vielen Ländern immer mehr in Existenzgefahr gerät. Die Paneldiskussionen boten „einen Rückblick auf die Entwicklung der Germanistik sowohl in China als auch in anderen Ländern“ und zugleich einen Ausblick in die Zukunft zu werfen, wie der amtierende Vorsitzende der IVG anfangs des Kongresses zu Recht formulierte. Neben inhaltlich relevanten und brisanten Themen, die in den verschiedenen Teildisziplinen angegangen wurden, wurden Ansatzpunkte eruiert, um das Fach Germanistik zeitgerecht und attraktiver zu gestalten. Einstimmig erkannten die Panelsteilnehmer die Notwendigkeit einer Integrierung bzw. Verstärkung und Ausbau des Einsatzes von neuen Technologien in die Forschung und die Lehre. Hinsichtlich dieser Diskussionspunkte kam das Leitthema des Kongresses stärker zur Geltung. Über Generationen hinweg herrschte der Konsens darüber, dass Maßnahmen zur Abmilderung bzw. Aufhebung der technologischen Kluft zwischen den verschiedenen Regionen tunlichst ergriffen werden sollten. Ebenfalls sollten die Diversitäten in den partikulären Praxen der Germanistik weltweit stärker anerkannt werden. Mit großer Bewunderung nahm man die Leistungen der „Auslandsgermanistik“ (außerhalb Europa) insgesamt zur Weiterentwicklung des Faches und insbesondere für die Förderung des Dialogs zwischen Menschen unterschiedlichen Kulturen zur Kenntnis. Die Preisträger des Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Preises und -Förderpreises (siehe weiter unten) liefern vertretend ein beredtes Zeugnis dafür ab.

3. Die Beiträge in der Sektion B12

B12: Deutsche Geschichte(n) als internationale Bestseller – Weltkriege, Holocaust, deutscher Widerstand und ‚Wende' 1989 – in Literatur und Film (Leitung Prof. Dr. Carsten Gansel/ Universität Gießen/Deutschland und Prof. Dr. Manuel Maldonado Alemán/ Universidad de Sevilla/Spanien)

3.1 Themenbereiche

Die Beiträge in der Sektion B12 machten auch deutlich, wie die Literatur als „Erinnerungsort / Lieu de mémoire“ funktionieren kann. So gesehen kann der Literaturbetrieb auch als eine Form der Geschichtsschreibung angesehen werden, die nach besonderen Gesetzmäßigkeiten verläuft. Die Sprache der Fiktion und die Sprache einer realen Lebenserfahrung finden hier Anpassungsmöglichkeiten. Sprache und Kunst werden somit zum Ausdruckskanal für jegliche Erfahrungen, eingeschlossen der tatsächlich medialisierbaren wie auch jene Erfahrungen, die kaum in Worte übertragen werden können. Martinez Amparo[2] zeigte in diesem Zusammenhang bei ihrer Beschäftigung mit dem Einfluss der (Autoren-)Biografie am Beispiel von Kafka, Trakl und von Schirach, dass die „Wunde“ des Schuldgefühls in der deutschen Gesellschaft noch nicht verheilt sei. Auf eben diese Wunde ziele die Literatur. Dies dürfte am meisten für von Schirach zutreffen, der durch sein literarisches Schaffen „das Gefühl der Kollektivschuld für die Kriegsverbrechen des Nationalsozialismus und die Rolle der Justiz in ihren Gerichtsverfahren“ in besonderer Weise zur Sprache bringt. Insgesamt attestiert Amparo der Literatur die kathartische Funktion der Milderung der Last des „schlechte[n] Gewissen[s]“ in der deutschen Gesellschaft.

Anders als Martinez Amparo diskutierte Aqtime Gnouléléng Edjabou in seinem Beitrag die Stellung der Schuldgefühle in Erinnerungsarbeiten in Uwe Timms teils essayistisch geformter  (Auto-)Biographie Am Beispiel meines Bruders. In diesem Text beschäftigt sich Uwe Timm mit der Geschichte seiner Familie und befragt die Voraussetzung des Schuldigwerdens. Stellvertretend kann dieses Vorgehen auch für die deutsche Gesellschaft gelten. Ein zentrales Ergebnis ist, dass das Schuldgefühl nachhaltige Spuren in der deutschen Gesellschaft hinterlassen hat. Brisant erscheint diese Untersuchung, wenn die Jubiläumsreden des Bundespräsidenten Gauck zum 70. Jahrestag des Kriegsendes 2015 miteinbezogen werden: Wie steht es mit der Erinnerungsarbeit? Ist es immer eindeutig möglich Opfer und Täter[3] des Verbrechens (sowohl individuell als kollektiv) zu identifizieren? Außerdem stünde die Frage nach der Identitätskonstitution in Bezug auf das Erbe von 1945 z.B. auf der Tagesordnung.

Eben diese Aspekte bespricht Garcia Chicote Francisco Manuel ausführlich. Sie analysiert speziell den „Subjektbegriff“,[4] wie er im Kriegsroman behandelt wird. Das Problem bestünde hier in der „komplexen Zweideutigkeit“ des Genres, das das Subjekt zum einen als zerrissenes Wesen als Folge der „kapitalistischen Rationalisierung der Arbeit“ und zum anderen als „einheitliche[s], reaktionäres“ Wesen im „Tod für das Vaterland“ in der Erzählung des Krieges darbiete.

Dieser Gedankengang ist im Zusammenhang mit dem Kriegsverbrechen und der Kriegsbeteiligung des deutschen Volkes unter dem NS-Regime von Bedeutung und würde richtungsweisend für den Umgang mit der NS-Vergangenheit in beiden Deutschlands stehen. Dieser Problematik widmet sich Marlene Frenzel bei der Untersuchung des „unterschiedlichen Umgang[s] mit der NS-Vergangenheit in den zwei Fassungen von Hans Falladas Jeder stirbt für sich allein (1947/2011)“[5]. Ihre Leitfragen lauteten: „Welche ,Bilder der Deutschen im Hitlerregime‘ werden in den beiden Versionen gezeichnet? Wie wird der geleistete Widerstand dargestellt? Inwiefern verschieben sich die Opfer-Täter-Konstellationen? Und welche Reflexionshaltungen werden bezüglich der NS-Vergangenheit konstruiert?“. Die Referentin machte deutlich, wie die Interpretationshoheit ideologisch ausgehandelt wird. Analog zu Frenzel thematisierten Xiansong Shi und Manuel Maldonado-Aleman eindringlich den Zusammenhang der „Schuldfrage“ mit der „Identitätsbildung“ bei den Deutschen als Bestandteil der Erinnerungsarbeit. Xiansong Shi argumentierte, dass bei dem Roman von B. Schlink Der Vorleser die „Scham-/Schuldfrage“ der Identitätsbildung konstitutiv sei.[6] Manuel Maldonado-Aleman postulierte, dass „Identitätskonstruktion durch Vergangenheitsentwürfe“[7] anhand literarischer „Inszenierung deutscher Geschichte“ stattfinden würde. Er analysierte zu diesem Zweck den Ich-Roman Himmelskörper von Tanja Dückers (2003). Die literarische Inszenierung der deutschen Geschichte in diesem Ich-Roman, so Maldonado-Aleman, geschieht durch die Inszenierung von „individuellen und kollektiven Erinnerungen“: Es geht also um die Medialität und Perspektivität der Erinnerung. Indem er diese Konzepte in der Postmemory diskutiert, stellt er die Verlinkung der individuellen und kollektiven Schuld mit Projekten der Identitätskonstruktion her. In dem besagten Ich-Roman werde die deutsche Geschichte durch die Familiengeschichte aus der Perspektive einer weiblichen Figur der dritten Generation dargestellt. Durch Erinnerungsentwürfe solle das „gestörte Generationsgedächtnis“ zunächst wiederhergestellt werden, damit „die Zugehörigkeit der Deutschen zu den Tätern“ enttabuisiert werde. Auf die Karte der Kriegsverbrechen gehört freilich auch der Holocaust. Die Erinnerung an den Holocaust beschäftigte Jeonghee Bae, Yeon Jeong Gu und Klaus Wieland.[8] Klaus Wieland verglich in seinem Beitrag Romane von Shoahüberlebenden mit denjenigen von Autorinnen, die nach 1945 geboren sind. Die Letzteren ordnete er der „Postmemory-Generation“ zu. Auch mittels Postmemory thematisierte Jeonghee Bae in ihrem Beitrag die „Traumata-Kommunikation“[9], die sich in den Gerichtsverfahren niedergeschlagen haben könnte (Amparo Martinez). In der Analyse der Holocaust-Spielfilme wagte Jeonghee Bae einen weiteren Interpretationsschritt, als sie die These vertrat, „Holocaust-Erinnerung [sei ein] moderner Prototyp von Trauma-Erzählung“. Denn eigentlich sei der Holocaust in den meisten heutigen Holocaustfilmen gar nicht das Thema; vielmehr werde er zum Hintergrundstoff herabgestuft. Im Grunde ginge es ja gar nicht um den Holocaust selbst. Denn es handele sich hierbei eher um den Blick der Nachfolgegeneration der Shoah–Überlebenden auf den Holocaust. Mit diesen Anmerkungen sei bereits die Aufmerksamkeit auf die Authentizitätsfrage der Erinnerung an die Shoah und damit auch auf die Legitimationsdebatten über die Erinnerungshoheit jener Schreckenserinnerung gelenkt worden. Hinsichtlich dessen stellt Jeong Hee Bae die folgenden Forschungsfragen: „Wie verhalten sich die ‚fremde‘ Erfahrung/Erinnerung und die ‚authentische‘ Erfahrung/Erinnerung? Wozu dient die ‚fremde Erinnerung vom Holocaust‘ bezüglich des Lebens der Hauptfigur, die der Nachfolgergeneration zugehört usw.?“. Yeon Jeong Gu[10] beleuchtete in ihrem Beitrag die Multistimmigkeit, die durch „Postmemory“ praktiziert wird, indem sie Romane von W.G. Sebald und Markus Zusak diskutierte. 

Anders als bei den meisten unternahm Patricia Cirfe Wibrow einen erkenntnistheoretischen Vergleich der Literaturdebatten in den Feuilletons in Spanien und Deutschland. Sie fragte nach dem „Stellenwert von Erinnerungstexten“. Indem sie ihren Beitrag im Bereich des Themenkomplexes Erinnerungs- und Gedächtniskultur verortete, suchte sie nach dem „Einfluss d[er] Gedächtniskultur auf die Erwartungshaltungen der [Literatur-]Kritik“.[11]Der Beitrag von Susanne Rinner[12] verbindet seinerseits ethische mit Gender-Fragen in Erinnerungsaufarbeitungen. Sie zeigt, dass die Literatur als Kunst mehr tue als bloß erinnern, insbesondere wenn sie die 68er Bewegung behandelt. Sie, die Literatur, nimmt dabei „eine existentielle Aufgabe wahr, die der Kunst eine [aufklärerische] politische Funktion zuweist“. Sie soll aber dann imstande sein, die Geschlechterspezifizität zuzulassen, insofern, als das Vorlesen (von Schlink) die männliche und das Zuhören die weibliche Aufgabe seien. Der Beitrag von Isabel Hernández lenkte, sich mit dem Roman von Catalin Doria Florescus Ziara befassend, die Aufmerksamkeit auf die Schwierigkeiten, denen Frauen im Krieg und in Gewaltsituationen ausgesetzt sind. Dafür analysierte sie die „Geschichte einer Frau in einem Jahrhundert der Kriege und der Gewalt“[13].

3.2 Theorien und Methoden

Die „Schuld-Frage“ – oft verbunden mit existenziellen Überlegungen - kristallisierte sich als tragende Kategorie in den Beiträgen heraus. So zum Beispiel bei Esther Martinez Amparo. Sie rezipierte zunächst ausführlich die Schulddiskussion bei Jaspers. Darauf aufbauend diskutierte sie die „Gemeinsamkeiten und Unterschiede“ bei der Literarisierung von der Schuld- und Urteilsaufarbeitung anhand der Biographie der Autoren. Aber die Schuld, um die es hier geht, ist nach wie vor genereller Natur, um nicht zu sagen, auf der Metaebene situiert. Betrachtet man die Prämissen der Argumentation von Amparo, wird einem schnell klar, dass das Fundament der Schuldauffassung bei jedem Autor unterschiedlich ausfällt. Während bei Kafka die Schuldfrage in enger Beziehung zu seinen schwierigen „Vater-Sohn-Beziehungen“ gestellt wird, bildet bei Trakl die „inzestuöse Beziehung zu seiner Schwester“ das Ferment. Bei Kafka und Trakl geht es also um ‚familiäre‘ und ‚gesellschaftsnormierende‘ Gewissensprobleme. Von Schirach ist hingegen durch das historische und politische ‚Erbe‘ durch die „familiäre Vergangenheit mit dem Nationalsozialismus“ belastet. Der Erfolg dieser Autoren liege darin, dass es ihnen (speziell von Schirach) gelingt, der deutschen Gesellschaft „das Gefühl der Kollektivschuld für das Kriegsverbrechen des Nationalsozialismus“ -wohlgemerkt literarisch - abzunehmen. Das psychologische Potential der Literatur, die Hoffnung und Perspektive schafft, wird damit hervorgehoben. Dieses Potential stand bei Uwe Timms Am Beispiel meines Bruders im Vordergrund, wie Aqtime Gnouléléng Edjabou ebenfalls mit historisch-existenziellem Gedankengut herauszuarbeiten versuchte.

Christine Arendt[14] setzte sich mit den Filmen Nirgendwo in Afrika von Caroline Link (2001) und Das Leben der Anderen von Florian Henckel von Donnersmarck (2006) auseinander. Bei dem Film Nirgendwo in Afrika unterstrich sie die Aspekte von Genre-Mix und Multiperspektivität als ausschlaggebend für den internationalen Erfolg. In ihrem Beitrag wurde der Filmnarratologie von Kuhn (2011) eine wichtige Rolle als Rahmenbedingung für die Analyse des filmischen Erzählens beigemessen. Besonders interessant erwies sich bei diesem Beitrag außerdem der Einbezug der Rezeption jener Filme in Italien durch StudentInnen.

In der Auseinandersetzung mit dem Drama erweiterte Jeonghee Bae das Konzept  „angeborener epischer Schemata“ um die Trauma-Erzählung. Damit befragte sie einerseits die ‚fremde‘ Erfahrung/Erinnerung und andererseits die ‚authentische Erfahrung/Erinnerung anhand postmemorialer Kategorien in Holocaust-Spielfilmen. Patricia Cirfe Wibrow zeigte die Auswirkungen des Literaturbetriebs auf die „Gedächtniskultur“ in Spanien und Deutschland anhand der „Bewertungskriterien in spanischen und deutschen Literaturdebatten über Erinnerungsbesteller“. Damit arbeitete sie heraus, wie die „Literatur als Erinnerungsort“ fundamental artikuliert werden kann. Diese Position untermauerte sie anhand von Todorovs Unterscheidung zwischen einem „literalen“ und einem „exemplarischen Gedächtnis“ in Les abus de la mémoire. Ebenso wurde die „Verwischung der Grenzen zwischen Fiktionalität und Faktualität im Rahmen von Erinnerungstexten“ diskutiert.

Katja Gorbahn operierte u.a. mit Überlegungen von James Wertsch und John Cawelti. Doch während Katja Gorbahn in diesem Kontext die Frage nach der Authentizitätsfiktion und der Selektion in den Rezeptionen internationaler Filme über die deutsche Geschichte eruiert, geht es bei Yeon Jeong Gu um die Authentizität der Holocaust-Erinnerung in der Postmemory. Dabei hebt Yeon Jeon Gu die „erzählerische Mehrstimmigkeit“ bei der Nachkriegsgeneration hervor. Im Bereich der Postmemory und des Postholocausts stieß auch Klaus Wieland mit seinem Vortrag weitere Gedankengänge an, indem er auf die vielfältigen Bemühungen, das Erinnern wachzuhalten, hinwies; wie z.B.: „Verkomplexierung des Erinnerns und Erzählens“, „Musealisierung der ehemaligen Lager, Holocaust-Mahnmal in Berlin, Stolpersteine“. Xiansong Shi ging es in seiner Analyse des Bestsellers Der Vorleser von B. Schlink darum, die Unterschiede zwischen der chinesischen und der westlichen Schuldauffassung zu beleuchten. Bei Schlink ginge es um ein Projekt der „Vergangenheitsbewältigung“ bzw. „Vergangenheitsbewahrung“. Xiansong Shi konkludiert, dass die „Schuldfrage [erzähl-ästhetische] von Generation zu Generation […] variiert wahrgenommen und gestiftet wird“.

Insgesamt standen Begriffe und Themenkomplexe wie Gedächtnisforschung, Erinnerungsaufarbeitungen, Kriegsgeschichtsschreibung, Frage nach den Tätern und Opfern im Mittelpunkt der Beiträge der Sektion B12. Die Auseinandersetzung mit dem Thema „Deutsche Geschichte(n) als internationale Bestseller – Weltkriege, Holocaust, deutscher Widerstand und ‚Wende‘ – in Literatur und Film“ zeigte, dass die Problematik einer gestörten Identität der Deutschen eine bedeutende Rolle spielt. Die Normalisierung jener gestörten Identität erscheint demnach als kennzeichnend für die Versuche der Aufarbeitungsarbeiten der deutschen (Kriegs-)Geschichte. Die analysierten Medien in den Beiträgen der Sektion B12[15] waren vielfältig und deckten die Themenvorgabe der Sektion weitgehend ab. Es wurden Literaturkritiken in Feuilletons, Geschichtsmagazine, Romane, Dramen, Filme und multimodale Medien untersucht. Manche Beiträge beschränkten sich nicht auf eine Gattung. So konnten Filme und Romane, Theater und Filme, Romane unterschiedlicher Gattungen in einer Studie parallel besprochen werden. Ebenso unterschiedlich fielen die theoretischen und methodologischen Ansätze aus.

 

4. Rahmenprogramm und Preisverleihung

4.1 Rahmenprogramm und Autorenlesung

Neben den wissenschaftlichen Abhandlungen gab es ein breites Kulturangebot: Kulturdarstellungen des Gastgebers und deutschsprachiger Räume (Kulturabende von Deutschland, Österreich, der Schweiz, und Luxemburg), und zwar bereits von Anfang an bis zum Kongressende. Der 27.08.2015 wurde jedoch freigehalten für organisierte oder individuelle Kulturprogramme. Es begann also schon bei der Eröffnungsfeier. Die farbenprächtigen und klangvollen musikalischen Untermalungen während der Eröffnungsfeier am 24.08.16 in der großen Aula ließen bereits die Vielfalt der kulturellen Angebote des Gastlandes erahnen. Die Krönung jener kulturellen Darbietungen setzte der chinesische Kulturabend als Schlussteil des Eröffnungsaktes des XIII. Kongresses der IVG. In der Tat konnten die Kongressteilnehmer und die Gäste die Diversität Chinas erleben. Der chinesische Kulturabend bestand aus drei Themenstellungen a) China-Geist, b) China im Entwicklungsprozess und c) eine gemeinsame Welt. Und gleichzeitig zeigte der Gastgeber seine Offenheit durch gelungenen Einbau z.B. von Klängen klassischer Musik europäischer Herkunft. Jenen Abend gestalteten die KünstlerInnen des Pekingoper-Theater Shanghai, die berühmte Erhu-Spielerin Ma Xiaohui und die berühmte Sängerin Yang Xuejin. Besonders begeisterten m.E. die StudentInnen von der Sportabteilung und die von dem Studentenkunstverein der Tongji-Universität die Zuschauer. Durch performativ anmutende Demonstrationen von verschiedenen Kampfsportarten des Alten Chinas gewährten sie den Kongresslern einen tiefen Einblick in die 5000 Jahre alte chinesische Kultur und Philosophie. Die gewonnenen Eindrücke wurden durch die darauffolgende Verkostung chinesischer Küche abgerundet.

Die Kette der Kulturveranstaltungen wurde fortgesetzt. Am 25.08.2015 fand der deutsche Kulturabend statt. Er wurde gemeinsam vom Deutschen Generalkonsulat in Shanghai und dem Goethe Institut Beijing veranstaltet. Er begann mit einem imposanten Empfang in dem Zonghe-Gebäude in der Universität. Im Grand Theatre in der Innenstadt fand ebenfalls ein Konzert des Ensembles Vocalconsort Berlin statt. Das österreichische Generalkonsulat in Shanghai lud die Kongressteilnehmer zu dem Österreichischen Kulturabend am 26.08.2015 in The Pearl Club (Hongkou) ein. Dort genossen die Anwesenden das Konzert der Wiener Band 5/8'erl in Ehr‘n. Rund um eine Lesung des Schriftstellers Florin Catalin Florescu und Musik des Gitarristen Fan Ye fand der schweizerische Kulturabend in dem Vortragssaal EG des Yifu-Gebäudes der Universität Tongji statt, dessen Vorbereitung das schweizerische Generalkonsulat in Shanghai übernahm. Und zu guter Letzt veranstaltete das luxemburgische Generalkonsulat in Shanghai den Luxemburgischen Kulturabend im Sino-Französischen Zentrum der Universität, wo der letzeburgische Kurzfilm zu sehen war. Den Abend rundete der Ehrenwein ab.

Die Lesungen mit Christoph Ransmayr und Volker Braun fanden parallel statt. Fast zeitgleich wurde das chinesisch-deutsche Projekt „Literaturstraße" vorgestellt. Dieses Projekt wird seit über 10 Jahren von der 1959 gegründeten Fritz Thyssen Stiftung unterstützt. Dr. Frank Suder von der Stiftung betonte bei der Präsentation des Projektes, welchen Beitrag solche Veranstaltungen für die Völkerverständigung leisten können, indem er die Motive der Unterstützung preisgab: Die Fritz Thyssen Stiftung stelle sich seit 50 Jahren einem „Vermittlungsauftrag“, der auf der Überzeugung basiert, dass „kulturelle Kontakte und Kulturaustausch in der Wissenschaftsförderung […], im wissenschaftlichen Austausch wie im menschlichen Bereich“ mehr bringen als man oft zu denken vermag. Neben der „Literaturstraße“ fanden drei weitere Lesungen mit den Schriftstellern Volker Braun, Martin Mosebach und Thea Dorn statt. Zu diesen Lesungen lud das Goethe-Institut Beijing ein. Büchervorstellungen fanden ebenfalls am Rande des Kongresses statt. Verlage und deutschsprachige politische und Kultur- sowie Hochschulförderinstitutionen (DAAD, Goethe Institut, u.a.) waren mit Ständen und Infopoints vertreten.

4.2  Die Preisverleihungen

Der Jacob-und-Wilhelm-Grimm-Preis und -Förderpreis wurden im Rahmen des Kongresses verliehen.[16] Die Preisträger waren jeweils Herr Prof. Dr. Paulo Astor Soethe (Brasilien) und Herr Dr. Ikobwa (Kenia). Beide wurden für ihr Engagement für die Weiterentwicklung des Faches, auch über den Wissenschaftsbetrieb hinaus, geehrt. Insbesondere erwies sich ihre Tätigkeit in Networking als ausschlaggebend. Die Präsidentin des DAAD, Frau Professor Wintermantel, hob diese Aspekte in ihrer Ansprache an die Versammelten während der Preisverleihung und in direkter Ansprache an die Preisträger. Aus der Ansprache wird zwecks der Authentizität großzügig zitiert:

„Herr Soethe, verehrter Herr Ikobwa. Sie kommen beide aus Ländern, in denen das Interesse an der deutschen Sprache vielfältig ist und von der akademischen Beschäftigung mit Sprache, Literatur und Kultur über anwendungsbezogene Themen bis hin zu der Frage reicht, wie die Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Sprachen zur Identität ihrer jeweiligen Länder und zur deutschen Identität beitragen. Dass Sie beide sich nicht auf eine dieser Fragestellungen festgelegt haben, sondern in unterschiedlichen Themengebieten zu Hause sind, macht den besonderen Reichtum Ihrer Arbeit aus, für die wir Sie beide heute ehren wollen. Dass Sie, lieber Herr Ikobwa, sich neben Ihrer literaturwissenschaftlichen Arbeit für die regionale Vernetzung der Germanistik in Ostafrika und darüber hinaus einsetzen, ist besonders in einer Region von Bedeutung, in der das noch relativ junge Fach Germanistik gerade von der Etablierung neuer Netzwerke lebt.“[17]

Abschließendes

Da die hier kurz vorgestellten Beiträge (Sektion B12) sich derzeit in einem Publikationsprozess befinden, habe ich allen Grund zu der Hoffnung, dass die angefangenen Überlegungen (Problematiken der Täter- bzw. Opferschaft, Authentizität der Erinnerung wie deren agonalen Fragestellungen) in naher Zukunft wieder aufgegriffen werden. Zu bedauern ist jedoch der gering gehaltene zugelassene Umfang der Beiträge, die im Kongressband veröffentlicht werden sollen. Hinzu wird auf den von Jianhua Zhu, Jin Zhao und Michael Szurawitzki bereits herausgebrachten Band1 Eröffnung, Ansprachen, Festreden, Berichte, Protokolle der Akten des XIII. Internationalen Germanistenkongresses Shanghai 2015 hingewiesen werden. Dem Band können ausführlichere Informationen zum Verlauf des Kongresses entnommen werden. Die neue gewählte Präsidentin des Präsidiums Frau Prof. Dr. Laura Auteri (Università degli Studi di Palermo) wird die nächste IVG2020 in Palermo empfangen.

 

 

 


[1] Meine aktive Teilnahme an dem Kongress erfolgte in der Sektion B12.

[2] Amparo Martinez, Ester: Die Schuld und das Urteil bei Kafka, Trakl und von Schirach.

[3] Edjabou, Aqtime Gnouléléng: Familie als Erinnerungsort. (De-)Subjektivierung und Emotionen in Uwe Timms Am Beispiel meines Bruders.

[4] Garcia Chicote, Francisco Manuel: Rationalisierung und Reaktion. Erzählerische Züge des Kriegsromans bei Arnold Zweig, Ludwig Renn und Siegfried Kracauer.

[5] Frenzel, Marlene: Zum unterschiedlichen Umgang mit der NS-Vergangenheit in den zwei Fassungen von Hans Falladas Jeder stirbt für sich allein (1947/2011).

[6] Shi, Xiansong: Reflektion auf die Vergangenheit und Rekonstruktion der neuen Identität der Deutschen: B. Schlinks Der Vorleser.

[7] Maldonado-Aleman, Manuel: Identitätskonstruktion durch Vergangenheitsentwürfe.

[8] Wieland, Klaus: Thesen zur deutschen Holocaustliteratur seit der Jahrtausendwende.

[9] Bae, Jeonghee: Traumata-Kommunikation: postmemory und Holocaust-Spielfime.

[10] Gu, Yeon Jeong: Die Geschichtsschreibung in der Postholocaust-Zeit bei W.G. Sebald und Markus Zusak.

[11] Cirfe Wibrow, Patricia: Unterschiedliche Bewertungskriterien in spanischen und deutschen Literaturdebatten über Erinnerungsbestseller.

[12] Rinner, Susanne: Ethik und Ästhetik im Spiegel von Erinnern und Erzählen: Die Darstellung von1968 in internationalen Bestsellern.

[13] Hernández, Isabel: In der Erinnerung lebend. Zu Catalin Dorian Florescus Zaira (2008).

[14] Arendt, Christine: Deutsche Geschichte in Nirgendwo in Afrika und Das Leben der Anderen.

[15] Die hier angegebenen Vortragstitel entsprechen den Arbeitstiteln wie sie in Abstracts der Sektion vorzufinden sind. Alle Arbeitstitel werden wiedergegeben, wenn der Beitrag zum ersten Mal erwähnt wird. Danach wird nur noch der Name der/des Beitragenden genannt.

[16] https://www.daad.de/der-daad/unsere-aufgaben/deutsche-sprache/aufgaben/grimmpreis/chronik/infos/de/38310-jacob-und-wilhelm-grimm-preise-01/  (Abruf 31.12.2015)

[17] Siehe Begrüßung durch die Präsidentin des DAAD, Frau Prof. Dr. Wintermantel. Abgedruckt im Band 1 (2016) der Akten des XIII. Kongresses der IVG 2015, S. 69ff.


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